1,2,4-Triazol: Die Situation in der Genferseeregion verstehen
1,2,4-Triazol, ein Stoff, der in verschiedensten Anwendungen vorkommt, steht im Mittelpunkt der medialen und politischen Aufmerksamkeit, seit es vom Bund als sogenannt «relevantes Abbauprodukt» von Pflanzenschutzmitteln klassifiziert wurde und somit seit September 2025 ein viel tieferer Vorsorgewert für diesen Stoff in Trinkwasser gilt. Die wissenschaftlichen Bewertungen sind jedoch eindeutig: Bei den gemessenen Konzentrationen wurde weder für die menschliche Gesundheit noch für die Umwelt ein Risiko festgestellt. Der Fall steht sinnbildlich für eine Regulierung, die für ein und dasselbe Molekül je nach Verwendungszweck sehr unterschiedliche Anforderungen vorsieht.
Was ist 1,2,4-Triazol?
1,2,4-Triazol ist eine chemische Verbindung, die in einer Vielzahl medizinischer und industrieller Anwendungen eingesetzt wird. Sie ist unter anderem Bestandteil von antimikrobiellen, antimykotischen und krebshemmenden Arzneimitteln. Sie wird als Korrosionsschutzmittel gegen Rost sowie als Holzschutzmittel verwendet. In der Landwirtschaft kommt sie in bestimmten Düngemitteln und bei der Fabrikation von Fungiziden zum Einsatz. Untersuchungen in Deutschland zeigten, dass der Stoff sogar in der Natur gebildet wird. Die Quellen können daher vielfältig sein, wenn diese Substanz in Wasserfassungen auftaucht.
Am Standort Monthey verwendet Syngenta 1,2,4-Triazol als Ausgangsstoff für die Produktion von Pflanzenschutzmitteln. Das Molekül ermöglicht die Herstellung zahlreicher Endprodukte und ist heute nur schwer oder gar nicht zu ersetzen.
Eine regulatorische Neueinstufung verändert die Bewertung
Bis September 2025 wurde das am Standort Monthey verwendete 1,2,4-Triazol als Ausgangsstoff reguliert. Das heisst: Für die kantonal bewilligten Einleitungen in die Rhone der nach der Produktion verbliebenen Restmengen galten die auf der Ökotoxizität – also die Auswirkungen auf Flora und Fauna – sowie der Humantoxizität basierenden Grenzwerte. Bereits seit 2018 hatte Syngenta ein Überwachungssystem eingerichtet und erstattete über die Betreibergesellschaft CIMO regelmässig Bericht an die Dienststelle für Umwelt des Kantons Wallis (SEN). Der Stoff tauchte auch immer wieder an Messstationen der Trinkwasserversorger auf, ohne dass das Wellen geschlagen hätte. So hat beispielsweise die Stadt Lausanne 1,2,4-Triazol im Jahr 2020 in einer Konzentration von knapp 0.9 µg/l gemessen.
Im Frühjahr 2025 wurden in einigen Trinkwasserfassungen in den Kantonen Genf und Waadt Proben erneut genommen. Dabei wurden Konzentrationen von bis zu 0,7 µg/L 1,2,4-Triazol gemessen.
Im September 2025 stufte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) 1,2,4-Triazol neu als «relevanten Metaboliten (Abbauprodukt)» von Pflanzenschutzmitteln ein. Diese Neueinstufung führte zur Aufnahme der Substanz in das Monitoring von Mikroverunreinigungen und zur automatischen Anwendung eines gesetzlichen Vorsorgewerts von 0,1 µg/L für Trinkwasser.
Wissenschaftliche Bewertungen zeigen kein Risiko für Mensch oder Umwelt
Das Swiss Centre for Applied Human Toxicology (SCAHT), das von den Kantonen Wallis, Waadt und Genf dann gemeinsam beauftragt wurde, bewertete die im Genfersee gemessenen Konzentrationen anhand internationaler Referenzwerte. Selbst unter Annahme eines bewusst sehr konservativen Szenarios mit einer Konzentration von 1,5 µg/L kommt die Expertise zum Schluss, dass kein Gesundheitsrisiko besteht – auch nicht für besonders empfindliche Bevölkerungsgruppen.
Zum Vergleich: Die tatsächliche Exposition liegt rund 460-mal unter dem gesundheitlichen Referenzwert. Ein Erwachsener müsste täglich mehr als 900 Liter Wasser trinken, um den theoretischen Schwellenwert zu erreichen, ab dem eine gesundheitsschädliche Wirkung nicht mehr ausgeschlossen werden könnte.
Aus ökologischer Sicht liegt die Konzentration, bei der in Süsswasser keine Auswirkungen zu erwarten sind (Predicted No Effect Concentration, PNEC), bei 70 µg/L. Die an gewissen Trinkwasserfassungen auf der schweizerischen Seite des Genfersees gemessenen Konzentrationen liegen damit rund 100-mal unter diesem Referenzwert. Negative Auswirkungen auf die aquatische Flora und Fauna sind daher nicht zu erwarten.
Zwei regulatorische Standards für die gleiche Substanz
Je nach Verwendungszweck unterliegt 1,2,4-Triazol zwei völlig unterschiedlichen rechtlichen Regelungen, obwohl es sich um dasselbe Molekül handelt.
- Status als Ausgangsstoff: Wird 1,2,4-Triazol am Industriestandort zur Synthese anderer Moleküle verwendet, werden die zulässigen Einleitungen auf der Grundlage strenger wissenschaftlicher Kriterien zur Ökotoxizität (Ecotox) und Humantoxizität (Humantox) festgelegt. Diese orientieren sich am tatsächlichen Gefährdungspotenzial der Substanz.
- Status als relevanter Metabolit: Entsteht die Substanz beim Abbau von Pflanzenschutzmitteln, wird automatisch ein pauschaler Vorsorgewert von 0,1 µg/L angewendet. Dieser gilt unabhängig von der spezifischen Toxizität des jeweiligen Abbauprodukts (Metaboliten).
Die Entscheidung des BLV, 1,2,4-Triazol als «relevanten Metaboliten» einzustufen, löste somit automatisch die Anwendung dieses Vorsorgewerts aus. Die regulatorische Änderung führt dazu, dass eine zuvor den geltenden Anforderungen entsprechende Situation rechtlich als nicht konform gilt, ohne dass ein neues toxikologisches Risiko festgestellt wurde.
Das stellt die Trinkwasserversorger am Genfersee vor grosse Probleme, denn sie müssen nun von einem Tag auf den anderen einen Vorsorgewert von 0,1 µg/L für den aus unterschiedlichsten Quellen stammenden Stoff 1,2,4-Triazol in ihren Trinkwasserfassungen einhalten, nur weil 1,2,4-Triazol auch ein Abbauprodukt von Pflanzenschutzmitteln sein kann.
Syngenta handelt – doch wegen der Vielzahl möglicher Quellen braucht es weitere Untersuchungen
Nach der Änderung der Einstufung von 1,2,4-Triazol war Syngenta wegen der dem Umweltamt des Kantons Wallis (SEN) bekannten Einleitungen rasch als eine Eintragsquelle identifiziert. Als Reaktion auf die Anforderungen des SEN hat Syngenta umgehend eine Task Force aus internen und externen Fachleuten eingesetzt. Ihr Ziel ist es, in enger Zusammenarbeit mit den Walliser Behörden verschiedene technische Lösungen zu evaluieren und zu testen.
Da 1,2,4-Triazol ein besonders stabiles und gut wasserlösliches Molekül ist, kann es mit herkömmlichen Verfahren der Abwasserbehandlung nicht vollständig entfernt werden. Um die Einleitungen in die Rhone umgehend zu stoppen, wurde deshalb eine vorübergehende Lösung umgesetzt: die Verbrennung des mit 1,2,4-Triazol belasteten Abwassers.
Diese Massnahme ermöglicht es, die unmittelbaren Anforderungen des SEN zu erfüllen, stellt jedoch keine nachhaltige Lösung dar. Die Verbrennung von Wasser erfordert einen erheblichen Brennstoffeinsatz und verursacht hohe CO₂-Emissionen, was den Umweltzielen widerspricht. Zudem belasten die hohen Betriebskosten die bereits kritische Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zusätzlich.
Deshalb werden derzeit in Monthey sowie in weiteren Forschungszentren der Gruppe verschiedene fortschrittliche Technologien wie Flüssig-Flüssig-Extraktion, Aktivkohlefilter und weitere physikalische und chemische Behandlungen geprüft und getestet. Ziel ist es, eine langfristige und ökologisch verantwortungsvolle Lösung für die Behandlung der Substanz direkt an der Quelle zu finden, die die mittelfristige Wettberwerbsfähigkeit eines grossen Produktportfolios wieder herstellen könnte.
Angesichts der Vielzahl von Anwendungen und Quellen von 1,2,4-Triazol bleibt aber essenziell, dass die offiziellen Untersuchungen zu den Ursachen der 1,2,4-Triazol-Einträge in den Genfersee breit, ergebnisoffen und umfassend durchgeführt werden.
Der Standort Monthey ist ein bedeutendes Zentrum für Produktion und Industrialisierung von Syngenta. Mit mehr als 120 Jahren Erfahrung in der Herstellung chemischer Produkte ist er der grösste Produktionsstandort von Syngenta weltweit. Zahlreiche neue Wirkstoffe werden dort erstmals im industriellen Massstab hergestellt, bevor ihre Produktion auf weitere Standorte der Gruppe ausgeweitet wird. Als wichtiger Arbeitgeber in der Region beschäftigt der Standort rund 900 Mitarbeitende und profitiert von kontinuierlichen Investitionen, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und technologisch wie ökologisch zukunftsfähig zu sein.
Möchten Sie mehr über unseren Standort in Monthey erfahren? Nehmen Sie an einer Tour hinter die Kulissen von Syngenta in der Schweiz teil.
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