Syngenta News

Green Sofa Live: Kann die Schweiz vegi? Der Realitätscheck zwischen Feld, Markt und Politik

Green Sofa vegi 2

Die Schweiz soll pflanzlicher essen – das fordern zumindest Kreise aus Politik und Verwaltung. Die Volksinitiative «Für eine sichere Ernährung» verlangt eine pflanzenbasierte Ernährung mit hohem Selbstversorgungsgrad. Der Bundesrat lehnt die Initiative zwar ab, setzt aber mit der Ernährungsstrategie des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) ebenfalls auf mehr vegetarische Ernährung und will das Thema auch im Rahmen der Agrarpolitik 2030+ weiterverfolgen. 

Doch ist diese Politik mit den Praxis- und Lebensrealitäten der Landwirtschaft und den Bedürfnissen der Konsumentinnen und Konsumenten vereinbar? Kann die Schweiz vegi – und will sie das überhaupt? Diese Frage stand im Zentrum des fünften «Green Sofa Live» von Syngenta in Bern. 

Regina Ammann, Leiterin Nachhaltigkeit und Public Affairs für Syngenta in der Schweiz, eröffnete den Abend mit einer kurzen Einordnung. Das Unternehmen, das in der Schweiz forscht, produziert und die Landwirte mit ihren Lösungen unterstützt, schafft mit der Dialogveranstaltung einen Raum, um aktuelle Themen rund um Gesellschaft, Ernährung und Landwirtschaft zu diskutieren. Dabei sollen auch Zielkonflikte zur Sprache kommen – offen, kontrovers und verständlich.  

 

Auf dem Podium sassen Franziska Herren, Initiantin der Volksinitiative «Für eine sichere Ernährung», Urs Stalder, Leiter Fachbereich Ernährung beim BLV und somit verantwortlich für die Ernährungsstrategie des Bundes, Lohnunternehmer und Meisterlandwirt René Ritter sowie Silvano Lieger vom Start-up «Planted». Schnell zeigte sich: Beim Thema Essen wird es emotional. Das Publikum war vom ersten Moment an voll dabei, und die Debatte liess sich nicht einfach in zwei Lager teilen. 

 

Bauern brauchen wirtschaftliche Perspektive 

René Ritter brachte die Sichtweise der Landwirte ein. Er baut trotz schwieriger Umstände auf dem Leimenhof im Baselbiet auch viele Hülsenfrüchte an. In diesem Zusammenhang sprach er von einem «Verlustgeschäft»: sechsjährige Anbaupausen, Schädlinge, Wetterextreme. Die Baumwoll-Kapseleule habe ihm bereits ganze Bestände vernichtet. Ohne wirksame Pflanzenschutzmittel drohen Totalausfälle – und diese fehlen zunehmend, sagte er. Es brauche eine wirtschaftliche Perspektive. Diese sei zurzeit nicht gegeben. So kosten Schweizer Linsen etwa doppelt so viel wie Importware aus der Türkei. Auch bei erfolgreicher Ernte bleibt deshalb die Vermarktung eine Herausforderung. 

 

Für Franziska Herren sind mehr Pestizide keine Lösung. Die Schweiz könne es sich nicht leisten, ihr Grundwasser weiter zu belasten, sagte sie. Die Bodenfruchtbarkeit müsse gezielt gestärkt und chemische Mittel schrittweise ersetzt werden. Für die von ihrer Initiative geforderte Steigerung des Selbstversorgungsgrad auf 70 % innerhalb von 10 Jahren forderte sie finanzielle Unterstützung für die Bauern. Ein verbindlich definierter Selbstversorgungsgrad gäbe den Bäuerinnen und Bauern erstmals Abnahmesicherheit für ihre Ernten und würde so ihre Existenz sichern. Sie erinnerte zudem daran, dass heute drei Viertel der Agrarsubventionen in die Produktion von tierischen Lebensmitteln fliessen würden, während pflanzliche Produkte kaum gefördert, geschweige denn staatlich beworben würden. Sie verlangte einen verstärkten Grenzschutz. «Bei der Milch können wir das auch», sagte sie. «Warum sollte das nicht auch für pflanzliche Proteine gehen?» 

 

Aus dem Publikum kam Widerspruch. «Die Leute kaufen das Billigste», sagte ein Landwirt. Ein Verbandsvertreter sprach von Rohstoffkosten, die in der Schweiz fünf Prozent der Produktionskosten ausmachen, in der EU nur ein Prozent. «Unsere Rohstoffe sind schlicht zu teuer.» Seit dem Markteintritt von Aldi und Lidl sei der Preiskampf brutal, sagte ein anderer. «Wir produzieren, was gekauft wird.» Gleichzeitig sei der Einkaufstourismus ein strukturelles Problem, das jede Lenkung unterlaufe. 

 

Zwischen Nudging und Bevormundung 

Silvano Lieger ernährt sich seit neun Jahren vorwiegend pflanzenbasiert. Sein Arbeitgeber «Planted» produziert pflanzliches Fleisch aus natürlichen Zutaten und verwendet dafür derzeit nicht biozertifizierte Proteine aus europäischem Anbau – noch nicht aus der Schweiz. Einigen stiess das sauer auf: «Uns die Ernährung vorschreiben, aber nicht unsere Produkte kaufen», raunte es durch den Saal. Doch vorschreiben will Planted nichts. Vielmehr müssen pflanzliche Optionen beispielsweise in der Systemgastronomie einfacher zugänglich werden. Wenn in Kantinen beispielsweise das Hauptmenü pflanzlich sei, verändere sich das Verhalten fast von selbst.  

 

Auch hier liess der Widerspruch aus dem Publikum nicht lange auf sich warten: «Bei uns haben sie auf vegi umgestellt. Jetzt bleibt die Hälfte liegen und muss weggeschmissen werden. Die meisten gehen vis-à-vis eine Wurst essen.» Doch eine junge Stimme aus dem Publikum erinnerte daran, dass vegetarisch auch ein Beitrag zum Klimaschutz sein könne.    

 

Flexitarisch statt dogmatisch, Anreiz statt Verbot – in diese Richtung arbeitet auch Urs Stalder vom BLV. Er weiss: Die Diskussion ums Essen ist emotionaler als viele andere politische Themen. Sofort heisst es, der Bund wolle den Menschen das Essen vorschreiben. Wer Veränderungen wolle, müsse alle Akteure mitnehmen – Landwirtschaft, Industrie und Konsumenten.  

 

Als Moderator Reto Brennwald die rege Diskussion schloss, blieb die Erkenntnis, dass alle aufeinander zugehen müssen. Regina Ammanns Satz zu Beginn klang im Nachhall besonders passend: Green Sofa Live wolle nicht bekehren, sondern Brücken bauen. Der Abend zeigte, wie nötig diese Brücken sind – zwischen Feld, Markt und Politik. 

Green Sofa Live vegi
v.l.n.r. Silvano Lieger, Public Affairs Manager bei Planted, Franziska Herren,  Initiantin "Initiative für eine sichere Ernährung", Reto Brennwald, Moderator, René Ritter, Meisterlandwirt und Lohnunternehmer, Urs Stalder, Leiter Fachbereich Ernährung BLV

 

Was ist Green Sofa Live?

Dialog ist uns wichtig. Mit unserer Gesprächsreihe «Green Sofa Live» bieten wir eine Plattform, um aktuelle Themen aus Landwirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft offen, kontrovers und verständlich zu diskutieren. 

 

Lesen Sie über Green Sofa Live «Zwischen Vorurteil und Verantwortung».

Green Sofa Live in Dübendorf: «Ohne Importe hätten wir dieses Jahr eine Hungersnot gehabt»

Länderpräsident Roman Mazzotta  im Video-Podcast Green Sofa Studio: «Wir wollen das Trinkwasser schützen - und den Wirtschaftstandort Schweiz»