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Pflanzenschutz damals und heute: Aus Sicht des Leiters Technik und Registrierung

Syngenta
14.06.2018
Portrait Norbert Locher

"Der Aufwand in der Registrierung ist enorm gewachsen."

Norbert Locher ist bei Syngenta Agro AG Leiter Registrierung und Technik für den Schweizer Markt wir haben mit Ihm über Pflanzenschutz damals und heute gesprochen:

Norbert, wenn man Deinen Werdegang betrachtet kann man sagen, ein Leben mit und für den Pflanzenschutz. War das immer Dein Plan?
Nicht direkt, mein Jugendtraum war eher eine grosse Farm in Brasilien zu besitzen. Mein Interesse war jedoch immer auch der Pflanzenbau und der Pflanzenschutz. Im Agronomiestudium an der ETH schrieb ich meine Diplomarbeit über die Weisse Fliege im Rahmen  eines FAO Projekts im sudanesischen Baumwollgebiet. Später fand ich den beruflichen Einstieg bei der Maag Agro AG in Dielsdorf. Ich erachtete dies als sehr attraktiven Einstieg ins Berufsleben bei einer innovativen und forschenden Firma im Bereich Pflanzenschutz.

Und was ist mit Brasilien passiert?
In meinem Werdegang durfte ich sehr viele Länder beruflich bereisen. Brasilien habe ich erst kürzlich privat besucht, der Fokus auf die Stelle in der Schweiz war eher familiär bedingt.

Wie hast Du diese Zeit und die Entwicklung im Schweizer Pflanzenschutz erlebt?
Im Vergleich zu heute wurde früher der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln weniger in Frage gestellt. Der Landwirt war diesbezüglich offener und auch selbstbewusster.
Heute ist der politische Druck von NGO’s, der Öffentlichkeit und den Medien enorm. Leider ist die Diskussion zur Zeit sehr emotional und basiert oft nicht mehr auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Dies führt dazu, dass selbst der Produzent im Umgang mit Pflanzenschutzmitteln vermehrt verunsichert ist – der Landwirt wird zum Teil sogar als Umweltverschmutzer an den Pranger gestellt.

Was hat sich in der Registrierung von Pflanzenschutzmitteln in den letzten 30 Jahren verändert?
Der Aufwand in der Registrierung ist enorm gewachsen. Der Umfang eines Dossiers für die Registrierung eines neuen Pflanzenschutzmittels ist heute rund acht bis zehnmal grösser als noch vor 30 Jahren. Im Bereich Toxikologie hat sich seither nicht so viel geändert wie im Bereich Umwelt. Die Untersuchungen der Wirkstoffe und ihren Metaboliten (Abbauprodukten) bezüglich  Umweltverhalten ist deutlich detaillierter und komplexer geworden.
Entsprechend ist auch die Zeitperiode für die Registrierung viel länger. Früher war dies oft in einem Jahr abgehandelt, heute müssen wir für einen neuen Wirkstoff in der Schweiz vier bis sechs Jahre rechnen. Es ist heute sehr schwer, einen neuen Wirkstoff zu entwickeln und zu registrieren, der alle Anforderungen erfüllt. Deshalb ist die Innovationskraft der Pflanzenschutzmittelindustrie wegen den viel höheren Hürden gebremst.

Gleichzeitig erleben wir einen grossen Verlust an Wirkstoffdiversität. Vor zehn Jahren waren in der Schweiz noch 800 – 900 Wirkstoffe zugelassen , heute sind es nur noch 200. Das heisst die Auswahl von geeigneten Produkten für die Bekämpfung eines Schadorganismus ist für den Landwirt schwieriger geworden und führt in gewissen Fällen bereits dazu, dass Schadorganismen kaum mehr bekämpft werden können. 

Wie siehst du die Zukunft im Pflanzenschutz?
Global wird der Pflanzenschutz eine wichtige Stellung einnehmen, um genügend gesunde Lebensmittel herzustellen und die globale Ernährung abzusichern.

Bei gut begüterten Gesellschaften wie in Westeuropa dürfte der Pflanzenschutz noch länger ein Reizthema bleiben. Es sind daher weiterhin Einschränkungen bei chemischen Pflanzenschutzmitteln zu erwarten.

Allerdings ist das Verhalten der Konsumenten etwas schizophren; beim Einkauf von Gemüse und Früchten muss hierzulande alles perfekt aussehen, qualitativ sehr gut und lange haltbar sein,  praktisch ein industrielles Produkt. Sind Flecken, Verformungen oder gar Schädlinge daran zu sehn, bleibt es im Laden liegen. Dies ist ohne synthetisch hergestellte Pflanzenschutzmittel nicht möglich, egal in welchem Anbausystem.

Eine Wende erwarte ich hier erst, wenn es einmal Nahrungsmittelausfälle gibt und die Schweiz sich nicht mehr alles auf dem Weltmarkt einkaufen kann. Ich bin überzeugt, dass dann die gesellschaftliche Diskussion über den modernen Pflanzenschutz wieder versachlicht und weniger emotional sein wird.